Wieder zu Kindern werden? Wer schon einmal Kinder und Jugendliche in Aufstellungs-Seminaren erlebt hat, wird sicherlich auch eindrucksvoll erfahren haben, wie diese sich auf den Prozess einlassen und offen und frei ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Je nach persönlicher Reife des Kindes oder des Jugendlichen, je nachdem wie offen und wie mutig sie ihrem Inneren folgen konnten und wie weit es ihnen möglich war, ihre Wahrnehmung zum Ausdruck zu bringen, trugen sie zu einer tiefen Erfahrung für alle Seminarteilnehmer bei. Obwohl ich in meiner therapeutischen Arbeit sehr viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatte, nahm ich mir ausreichend Zeit, bis ich mich sicher fühlte und sich ein guter Anlass bot, um Kinder und Jugendliche in ein Aufstellungsseminar mit aufzunehmen. Hilfreich war der Anstoß durch ein Elternpaar, das ich durch mehrere Gespräche kannte. Sie hatten Interesse, ihren Sohn mit in das Seminar zu bringen. So fiel es mir leicht, ganz bewusst diesen Schritt zu tun und den damals 16-Jährigen am Seminar teilnehmen zu lassen. Ich spüre noch heute die kraftvolle innere Bewegung des Sohnes in seiner Aufstellung, die durch jede Zelle seines Körpers nach außen zu strahlen schien. Er hatte in den Aufstellungen zuvor seine Eltern in neuen Zusammenhängen wahrgenommen. Mit ganz wachem Blick hatte er verfolgte, wie sein Vater auf dessen Vater in einer offenen Weise zuging. Es fällt den meisten Menschen leichter ihr Herz gegenüber den Eltern zu öffnen, wenn sie zuvor erlebt haben, dass diese es auch ihren Eltern gegenüber tun konnten. Trotzdem ist es immer ein mutiger und eigener Schritt, den nur jeder alleine gehen kann. Nachdem der Jugendliche einige lösende Schritte getan und lösende Sätze ausgesprochen hatte, umarmte er seinen Vater mit einer frischen und tiefen Herzlichkeit. Seine Klarheit, seine liebevollen Gefühle, das vollkommen offene und vertrauensvolle Sich-Anlehnen an den Vater waren von einer Schönheit, die viele tief berührte. Da kam die Qualität eines aus seinem Herzen eindeutig Handelnden zum Ausdruck. Das können wir immer wieder dann bei Kindern erleben, wenn sie sich noch ganz vertrauensvoll in die Arme der Eltern begeben. Dieses Erleben ermutigte mich sehr, von nun an regelmäßig Kinder und Jugendliche als Seminarteilnehmer aufzunehmen. Ich erlebe immer wieder, wie viel wir von unseren Kindern lernen können. Es ist ein Geschenk, Kinder zu haben. Oft fordern gerade sie uns heraus, etwas für uns zu tun, vor allem dann, wenn wir wissen oder ahnen, dass es den Kindern dadurch besser gehen wird. Über die Aufstellungsarbeit erkennen Eltern immer wieder in einer unausweichlichen Deutlichkeit, wie bedingungslos ihre Kinder die eigenen Begrenzungen und Verstrickungen in gleicher Weise fortsetzen. In Treue zu den Eltern engen sich die Kinder ein und behindern sich in ihrer Lebensfülle, sie können sich schaden bis hin zur Lebensbedrohung. Wir können erleben, wie viele Eltern nach diesem Erkennen oft eher bereit sind, Schritte der Veränderung, vor allem in Bezug auf ihre Eltern oder in Richtung einer anderen Person zu gehen. In diesem Sinne sind K.u.J. ein großer Reichtum für uns. Worin liegt der Reichtum der Kinder und der Jugendlichen? In der Begegnung mit ihnen. Besonders bei kleinen Kindern erleben wir immer wieder ihre reine und klare Ausdrucksweise, mit der sie auf das Leben zugehen. Viele haben dafür den Begriff von „unschuldig“ oder „rein“ gewählt. Das Erleben tragischer Ereignisse oder wiederholter Einengung bewegt das Kind zum Rückzug. Ohne Erlebnisse dieser Art entfaltet sich die unbeschwerte Lebendigkeit, die Fähigkeit ganz spontan und erfüllt vom Augenblick. Es berührt freudig unser Herz wenn wir erleben, wie sie noch offen, mit leuchtenden Augen und der vollen Aufmerksamkeit frei auf Menschen und Ereignisse zugehen. Nicht der kleinste Gedanken nach Bewertung (darum un-schuldig) trübt das reine Schauen. Es ist völlig zufrieden erfüllt und darum reich, voll und rein, ohne Verlangen zu wissen. Schmerzvoll erlebe ich immer wieder, wie Kinder und Jugendliche schon viel zu früh wie abgestorben wirken und keine Berührung mehr zu ihrer inneren natürlichen Lebendigkeit haben. Sie haben diese soweit versteckt, wie vergessen und vergraben, dass sie fast wie tot erscheinen. Das hält bei vielen das ganze Leben über an. So schön und so berührend ist es, wenn wir mit dieser urwüchsigen Lebendigkeit in Berührung kommen. Es stellt sich zur gleichen Zeit die Frage, ob wir bereit sind, uns dieser in uns immerwährenden Kraft, unserer natürlichen Lebendigkeit zu öffnen. Die Meisten stimmen dem schnell zu, unterschätzen jedoch ihre große Angst vor jener eigenen Kraft, die im Inneren darauf wartet gelebt zu werden. Viele Menschen haben ihre Lebendigkeit so tief vergraben und versteckt, dass sie kaum ein Bewusstsein für sie haben, kaum in Berührung sind mit dieser Kraft.
In diesem Zusammenhang fallen mir immer wieder die Sätze von Nelson Mandela ein, die er in seiner Antrittsrede 1994 sagte: „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind. Unsere tiefste Angst ist, über die Maßen kraftvoll zu sein. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, was uns am meisten erschreckt. Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen? Aber wer bist du, dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes. Dich selbst klein zu halten wird die Welt nicht retten. Es ist nichts Erleuchtetes daran, sich klein zu machen, so dass andere um dich herum sich nicht unsicher fühlen. Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, sichtbar zu machen. Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem Einzelnen. Und wenn wir unser eigenes Licht strahlen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.“
Diese Überlegungen tauchten auf, als ich der Frage nachging, was das Störende an Kindern sein könnte. Ich möchte Mut machen, die Bedenken, die wir haben, K.u.J. in ein Seminar hinein zu nehmen, wirklich offen und ernsthaft anzuschauen, sie zu überprüfen und sich ihnen zu stellen. Liegen die Begrenzungen in den Kindern begründet oder in mir? Die erlebten Erfahrungen mit K.u.J. in Aufstellungsseminaren sind sehr spannend und aufregend, schmerzend und erleichternd. Ich nehme alle Argumente sehr ernst und es liegt mir fern, zu einer schnellen urteilenden Antwort zu kommen. In den vergangenen Jahren bin ich immer mutiger geworden, auch kleinere Kinder mit in die Seminare hinein zu nehmen. Ich wollte es wirklich wissen, erleben, erfahren, welche Begrenzungen tatsächlich auftauchen würden und welche nicht. So nahm ich immer öfter immer jüngere Kinder mit in die Seminare. Nachdem eine Mutter zu einem Seminar ihren 1 ½ jährigen Sohn mitgebracht hatte – ich war sehr überrascht, denn wir hatten vorher nicht darüber gesprochen (ist das nicht beeindruckend, wie das Leben uns manchmal herausfordert?) – stand ich vor der Frage, ob ich die Mutter nach Hause schicken sollte oder ob sie bleiben könnte. Es war eine eindruckvolle Erfahrung für die ganze Gruppe. Wir brauchten erstmal eine Zeit, um die „Störung“ wirklich zu sehen. Der Junge krabbelte oft im Raum herum, dabei sein Auto schiebend, manchmal bis in die Nähe der Aufstellung. „Natürlich“ störte es einige, andere nicht. Wir nutzten die Gelegenheit, uns die Störung genauer anzuschauen. Etliches tauchte auf, bis zu der Frage nach dem Umgang mit unseren eigenen „Störungen“. Dann konnten viele sehen, wie konzentriert der Junge bei seiner Tätigkeit war, sich nicht ablenken ließ und wie sensibel er auf die Aufstellungsweise und das Klima während der Aufstellung reagierte. Die Mutter selbst war sehr aufmerksam dabei, griff klar und ruhig ein, wenn der Junge zu weit ging, was selten eintrat. Sie stillte ihn und lies ihn bei sich schlafen. Die anfängliche Skepsis verging mit der Zeit immer mehr und wurde ergänzt durch ein erweitertes Schauen. Ja, manche machten die eindrucksvolle Erfahrung, dass sie den Jungen gar nicht mehr als eine Störung wahrnahmen und einige erkannten, dass die Störung durch die vielen Fragen und Gedanken in ihrem Kopf viel lauter war als die Geräusche des Jungen. Nach dieser Zeit nahm ich wiederholt kleinere Kinder mit in die Seminare. Dies ermutigte mich, für einige Zeit auch meine Frau mit unserer einjährigen Tochter mit in das Seminar zu nehmen. Ich erlebte immer wieder das Gleiche: Einige fühlten sich zu Beginn gestört und verwirrt, waren dann aber nach einer Weile eher erfreut und erstaunt zu sehen, wie das eigene Erleben sich erweiterte. Ich erinnere mich an die Aussage einer Frau, Tage nach einem Seminar, dass die tiefste Berührung für sie das „Tschüs“ eines dreijährigen Mädchens gewesen sei. Dies öffnete noch einmal tiefer ihr Herz für sich selbst. Vor allen Dingen die große Aufmerksamkeit der K.u.J., das Mitschwingen und Widerspiegeln des inneren Zustandes der Aufstellung, beeindruckte immer wieder. Es hatte nichts von Stören-Wollen, wie wir das aus unserer Erwachsenenwelt kennen. Wenn das Kind noch offen ist und nicht gerade in einem heftigen Konflikt, nimmt es in einer staken Weise wahr, was angemessen und hilfreich ist oder was wirklich stört. Ja, es schien, dass wenn sie störten, bereits vorher eine Störung in der Gruppe und der Aufstellung gewesen war. Die K.u.J. nahmen sehr deutlich wahr, wenn etwas Gutes und Hilfreiches, ich möchte sagen etwas Heilsames, Heiliges sich entfaltete. Dann waren sie fast nicht zu merken, hielten still. Eltern, die ihre Kinder dabei hatten, berichteten immer wieder, wie erstaunt sie waren, dass die Kinder so ruhig und konzentriert während einer langen Zeit zu ihren Füßen saßen. Die Kinder waren vertieft in ihr eigenes Spiel, während wir in einer gleichen Weise vertieft in die Aufstellung mit der Bewegung der Seele verbunden waren Aus den neuesten Kinderforschungen weiß man, dass vor allem Säuglinge und kleine Kinder oft bis zu 100 % die Eltern in sich haben und spiegeln, leben. Es gibt fast kein Entrinnen davor. Unsere innere Einstellung ist von grundlegender Bedeutung, wenn wir vor allem kleinere Kinder mit in das Seminar hineinnehmen. Welche innere Haltung habe ich den Kindern gegenüber, welche zu meinen eigenen Kindern, wie weit bin ich bereit meinem eigenen Kind in mir Raum zu geben, der eigenen inneren Lebendigkeit und Kreativität? Stärker und eindrucksvoller, als ich es erwartet hatte, erlebe ich mehr und mehr, dass unsere innere Haltung von viel größerer Bedeutung ist, eine viel stärkere Wirkung und Auswirkung hat, als wir es für möglich halten. Ich möchte dazu ermutigen, die eigene Haltung gut wahrzunehmen und zu beachten bei der Fragestellung und der Entscheidung, ob wir K.u.J. in ein Seminar mit hinein nehmen. Es ist notwendig, eigene Bedenken ernst zu nehmen. Wenn wir als Kind bei unseren Eltern einen guten Platz eingenommen haben, wenn wir dem Kind in uns einen guten Platz geben und wenn K.u.J. in unseren Seminaren willkommen sind, dann ist ein fruchtbarer Boden vorhanden für ein gutes Gelingen im Aufstellungsseminar. Je klarer, freier und eindeutiger ich mich für die Teilnahme eines K.u.J. am Seminar entschieden habe, umso selbstverständlicher wird es auch für diejenigen werden, die sich am Anfang irritiert und gestört fühlen. Die Kinder oder die Jugendlichen werden die Einladung und das Angenommensein spüren. In einem der letzten Seminare erlebte ich, dass die Gruppe in keiner Weise beunruhigt auf die Teilnahme eines 2jährigen Jungen reagierte. Es gab keine Fragen, keine Anmerkungen, keine Beunruhigung oder Ausdruck von Störung. Aus dem oben Geschriebenen wird deutlich, dass der Satz, dass die Kinder störend seien, u.a. darauf hinweisen kann, das man selbst noch keinen ausreichend guten Platz bei seinen Eltern, in der Beziehung zu sich selbst und zu seinem inneren Kind, zu der eigenen „brillanten, großartigen, talentierten, kraftvollen und phantastischen Lebendigkeit" (Mandela) gefunden hat. Eine weitere Frage, die immer wieder in dieser oder ähnlicher Form auftaucht, lautet: Sind Kinder nicht überfordert, wenn sie an den Seminaren teilnehmen? Folgendes kann ich auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen beschreiben: Die Frage könnte auch so gestellt werden: Gibt es etwas, das das Innere des Kindes noch nicht weiß? Was ist wirklich beunruhigend für das Kind? Aus vielen Erfahrungen zeigt sich, dass das Ungelöste, das Unangeschaute bei uns, das Unbewältigte, die Verstrickung, aus der wir noch nicht herausgekommen sind, unsere eigenen Ängste und die Reaktionen und Handlungen darauf, unsere Kinder fortwährend beeinflussen und beeinträchtigen. Je kleiner die Kinder sind, umso machtvoller ist die Beeinflussung. Sie können dem nicht ausweichen. So wie wir, wachsen auch die Kinder in einem Bewusstseinsfeld auf, das sie formt und beeinflusst, in einer Stärke, die wir sicherlich noch sehr unterschätzen. Wir neigen dazu, Ereignisse und unsere Handlungen zu überschätzen. Wir unterschätzen dabei die Kraft unserer Haltung, die den Wert unsere Handlungen bedingt und die Haltung, mit der wir auf Ereignisse schauen. Gerne verkürze ich diese Erfahrung auf die sicherlich provozierenden Sätze: Kein Ereignis hat eine Bedeutung und keine meiner Handlungen haben eine Bedeutung. Jedes Ereignis bekommt erst den bedeutsamen Wert durch meine Bedeutung, die ich ihm gebe. Das gleiche bezieht sich auch auf meine Handlungen. Über die Kinder können wir immer wieder erfahren, dass sie meistens weniger auf die Worte reagieren, die ausgesprochen werden, sondern stärker auf die innere Haltung, die hinter den gesprochenen Worten steht. So ist es auch in den Aufstellungen. K.u.J. bekommen sehr gut mit, wie wir auf uns selbst, auf Andere, auf das Leben schauen: Ist Angst der Boden, auf dem wir stehen, Unsicherheit und Misstrauen oder bestimmt Sicherheit und Vertrauen unser Denken und unsere Handlungen? Die meisten K.u.J., die an Seminaren teilgenommen haben, waren innerlich und äußerlich oft mehr beteiligt, als vorher die Eltern und auch ich zu glauben wagten. Die meisten schauten voller Wachheit (nicht nur) der Aufstellung ihrer Eltern zu und waren erleichtert, wenn sie eine Lösung sahen. Manchmal erschien es auch so, dass sie überhaupt nicht hinschauten und in ihr Spiel vertieft, aber umso mehr in ihrem Inneren ganz wachsam der inneren Bewegung der Seele folgten. Wenn wir ganz bei uns waren, dann waren sie es auch. Ich erlebte auch, dass Kinder sofort mit Beginn der Aufstellung der eigenen Familie zu schlafen begannen, sich z.B. unter der Jacke verkrochen oder dass sie aus dem Raum gingen. Manche blieben bis zum Ende der Aufstellung draußen, andere kamen wieder oder „linsten“ unter der Jacke hervor. Diese Reaktionen waren eindeutig. Wenn dies die Ängste der Kinder zeigte, so sicherlich auch die der Eltern. Was ich meistens wahrnahm, waren nicht die Ängste der K.u.J. vor etwas Unbekanntem, das auftauchen könnte. Sie schauten fragend und unsicher, wie die Eltern mit Ängsten umgingen. Werden die Eltern Sicherheiten suchen und diese auch annehmen oder nicht? Der Druck der Frage war zu spüren: Würde das Kind (wieder) alleine sein oder womöglich für die Eltern sorgen müssen? Die Kinder waren sich nicht sicher, ob die Eltern auch dann präsent wären, wenn deren Ängste auftauchten. Es zeigte sich ganz klar: Vor allem dann, wenn zwischen den Eltern noch ungelöste heftige Auseinandersetzung bestanden und die Kinder zwischen die Fronten geraten waren, zeigte sich die angstvolle und unsichere Haltung am deutlichsten. Die K.u.J. hatten Angst, in der Aufstellung wieder das zu erleben, was ihnen so bedrückend vertraut war. Da gab es wenig Erfahrungen oder keine, dass Konflikte in einer guten Weise gelöst werden können, bei den Kindern, wie den Eltern. Die K.u.J. spiegelten dies wieder. Vielleicht könnte die Frage, ob Kinder überfordert sind, so beantwortet werden: Sie sind auf jeden Fall an der Stelle überfordert, wo wir es sind. Die beteiligten K.u.J. waren sehr erleichtert, wenn sich durch die Aufstellungen gute Lösungen einstellten. Sie nahmen dies auch erlösend bei allen anderen Aufstellungen wahr. Bei diesen, wie bei den Aufstellungen der eigenen Familie, scheint die innere Haltung von einer viel größeren Bedeutung zu sein als die äußeren Schritte. Bisher habe ich in keinem Seminar erfahren und auch nicht hinterher über Gespräche mit den Eltern, dass die K.u.J. durch das Seminar oder im Seminar Erlebtes überfordert gewesen wären. Ich erfuhr wiederholt, das K.u.J. nach den Aufstellungen jene Veränderung wahrnahmen, die bei ihnen selbst zu weiteren Veränderungen führte. Ich möchte dies über eine Aufstellung verdeutlichen, die ich sehr verkürzt wiedergeben möchte: Eine Mutter kam wegen ihrer neunjährigen Tochter in das Seminar, weil diese "wegen Todesängsten" schon seit Wochen nicht mehr in die Schule gegangen war und nicht von der Seite der Mutter wich. In der ersten Aufstellung konnte die Mutter sich nicht der schützenden und Kraft gebenden Liebe ihrer Mutter öffnen. Sie unterstrich dies mit dem Satz: „Lieber sterbe ich", woraufhin die Stellvertreterin der Tochter aus dem Raum rannte. Am folgenden Tag kam die Mutter mit offenem Gesichtsausdruck zum Seminar und erzählte, dass sie geträumt habe, wie eine Tote aus Totentüchern ausgewickelt wurde und dass sie jetzt wisse, was sie tun werde. Es kam zu einer tief bewegenden Begegnung zu ihrer Mutter, dann auch zu ihrem Mann, den sie oft sehr abgewertet und beschimpft hatte. In der Woche darauf berichtete mir die Mutter von den heilsamen Veränderung in der Paarbeziehung. Die Tochter sei wieder zur Schule gegangen, sie habe jedoch die Eltern gebeten, sich wieder zu streiten. Die Tochter spürte, dass sie über die Veränderung ihre bisherige Bedeutung verloren hatte und jetzt Neues auch für sie anstand. K.u.J. erfahren viel über unsere innere Haltung, wenn wir in Verbindung mit unserer Kraft und mit Vertrauen das Seminar leiten. Sie nehmen wahr, ob wir ihren Eltern gegenüber uneingeschränkte Achtung haben und diesen Veränderungsmöglichkeiten, wann auch immer, zutrauen. Ob wir ihnen einen guten Platz geben, ob der Boden für sie vorhanden ist, dem sie sich anvertrauen können. Indem wir ihren Eltern einen guten Platz in unserem Herzen geben, achten wir darauf, dass wir uns nicht als die besseren Eltern über die Eltern stellen. Mir war es immer wichtig, gleich zu Beginn mit den K.u.J. in guten Kontakt zu kommen. Ich spreche sie auf ihrer Ebene an, auch immer wieder im Verlauf des Seminars. Für manche ist es sehr gut, wenn sie oft als Stellvertreter aufgestellt werden. Vor allem Jugendliche, aber auch Jüngere, können hilfreiche Aussagen machen, vor allem wenn sie stellvertretend für K.u.J. stehen. Ich habe noch nicht erlebt, dass ich eingreifen musste. Vor einiger Zeit kam am letzten Seminartag nach der Mittagpause eine Mutter mit ihrem kleinen 2jährigen Jungen auf dem Arm in den Seminarraum hineingestürzt. Auf Grund einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann war sie ganz durcheinander. Wir hatten gerade mit der Abschlussrunde begonnen. Ich nahm sie ruhig in Empfang und bot ihr an sich daran zu erinnern, was sie in ihrer Aufstellung erlebt hatte. Ich stellte hinter sie ihre Mutter und die Frauen der früheren Generationen. Auch wenn die Frau, noch blind aus den Gefühlen der Enttäuschung, Ohnmacht und des Alleingelassenseins, in Aufregung, Enttäuschung und Wut geraten war und deswegen nicht gleich aufnahmefähig war, lag das Kind beeindruckend ruhig in den Armen auf ihrer Schulter, als ob es schon wüsste, dass alles gut ausginge. Es dauerte eine Weile, bis die Frau die Kraft ihrer Mutter und der Frauen davor wahrnehmen und in sich hinein nehmen konnte. Schließlich konnte sie voll Kraft, Mut und Vertrauen zur Ruhe kommen und sich äußerlich wieder von ihrer Mutter lösen. Ich gehe davon aus, dass an diesem letzten Seminartag eine kraftvolle tragende Sicherheit bei allen gewachsen und spürbar war, wodurch dieser Prozess für Mutter und Kind geschehen konnte. Immer öfter kommen Familien mit mehreren Kindern zum Seminar. Es ist sehr eindrucksvoll sie alle aufstellen zu lassen, fange meistens mit dem kleinsten Kind an. Sie tun dies gern, suchen die Stellvertreter aus und stellen auf, oft in einer beeindruckenden Eindeutigkeit. Sie alle spüren die gleiche Wertschätzung ihres inneren Bildes, jeder Aufstellung. Häufig kommt es zu mehreren Aufstellungen für dieselbe Familie. Über die verschiedenen Aufstellungen zeigt sich für alle die Unterschiedlichkeit im Erleben und in der Konfliktwahrnehmung des Einzelnen. K.u.J. genießen oft sehr, wenn sie zum Schluss im veränderten Beziehungsbild stehen, ihren Platz haben und "sonnen" sich regelrecht darin. Bei Jugendlichen gibt es noch eigene Schritte zu tun. Je älter der Jugendliche ist, umso weniger Unterschiede gibt es zu Aufstellungen mit Erwachsenen. Aus der Erfahrung lässt sich kein Alter angeben, ab dem ein Kind die ganze Zeit beim Seminar dabei sein kann und will. Ich erlebte schon achtjährige die über drei Tage ganz konzentriert dabei waren, sich aufstellen ließen und hilfreich waren. Bei kleineren Kindern und Eltern, die noch unsicher sind in Bezug auf sich selbst und das Seminar, empfehle ich die Kinder nicht gleich am ersten Tag mitzubringen. Das hat sich als gut herausgestellt. Dann kommt es am zweiten oder dritten Tag mit und entscheidet oft selbst wieder zu kommen. Es ist schön und hilfreich, wenn das Kind sich etwas zum malen, basteln, lesen oder spielen mitbringt, was sie dann vor den Füßen der Eltern oder am Rand der Gruppe tun. Oft ist es hilfreich wenn beide Eltern sich bei der Aufmerksamkeit für den Säugling oder Kind abwechseln, oder auch mitgebrachte vertraute Personen dies übernehmen. Bis jetzt habe ich nie "Kinderbetreuung" organisiert, was auch denkbar ist, die Eltern nahmen dies bis jetzt selbst in die Hand, was ich auch unterstützte. Wer über viele Jahre Erfahrung mit Familienaufstellungen hat, hörte oder erlebte schon öfter, wie nicht im Seminar anwesende Kinder auf das reagierten, was ihre Eltern in diesem Seminar und vor allem in ihrer Aufstellung erfuhren. Ich erinnere mich gerne an die Erzählung von Eltern, dass ihr Kind bei der Begrüßung, als sie wieder zuhause waren, die gleichen Sätze sagte, die der Stellvertreter des Kindes in der Aufstellung gesagt hatte. Ebenso sind Eltern oft beeindruckt, was sich in der Beziehung der Kinder zu ihnen verändert hat. Es ist nicht nur einmal geschehen, dass Kinder während der Abwesenheit der Eltern das Haus oder die Wohnung aufgeräumt haben, Essen für alle gekocht haben und sie in einer Weise begrüßten, die den Eltern neu und unvertraut war. Einmal kamen Eltern am 2. Tag in das Seminar und sagten, dass sie ihrem Jungen erzählt hätten, wo sie seien und was sie dort täten. Der Junge habe ihnen daraufhin gesagt, da müsse er unbedingt hin. Die Eltern brachten ihn dann am nächsten Tag mit. Auf meine Anfrage hin sagte der zwölfjährige Junge, dass er nachts nicht einschlafen könne. Es habe ihm bisher noch keiner richtig helfen können. Die Anwesenheit des Vaters am Abend sei zwar etwas hilfreich, jedoch würde dies nur wenig verändern. Ich bat den Jungen, jemanden für sich auszusuchen, der seinem abendlichen Zustand entspricht. Der Junge ging direkt auf einen Mann zu, am anderen Ende des Raumes, dem es psychisch von allen in der Gruppe am schlechtesten ging. Ich spüre noch heute, wie ich zuerst einen großen Schreck bekam, bevor ich wie immer dem Großen und der Kraft der Seele vertraute. Als der Junge sich und die beiden Eltern aufgestellt hatte, sagte sein Stellvertreter, dass er wenig Vertrauen in die Eltern habe, sie auch kaum wahrnehme und sich ganz alleine fühle. Ich fragte die Eltern nach weiteren Geschwistern und Kindern, eventuell früh verstorbene oder abgetriebene. Da gab es kein anderes Kind, doch dann erinnerte sich die Mutter daran, dass ihr der Arzt in der Anfangszeit ihrer Schwangerzeit mit diesem Jungen sagte, dass es eine Zwillingsschwangerschaft sei. Der Zwilling sei nach etwa 3 Monaten abgestorben. Ich stellte diesen Zwilling direkt neben den Stellvertreter des Sohnes auf. Dies brachte den Stellvertreter des Jungen zum Strahlen: „Du hast mir so gefehlt - jetzt kann ich meine Eltern erst sehen.“ Sie können sich denken, welch große Erleichterung und Veränderung dieses Erleben für den Jungen brachte, auch in seiner Beziehung zu seinen Eltern. Aus Kommentaren und Berichten von den Eltern habe ich erfahren, dass der Junge bis heute gut einschlafen kann. Der Stellvertreter wiederholte immer wieder, das dies die eindruckvollste und hilfreichste Aufstellung war. Kinder sind in diesem Sinn ein Geschenk und Reichtum für die Eltern, für die Familie, ebenso auch für die Gesellschaft. In gleicher Weise erlebe ich das auch in Bezug auf ältere Menschen. Leider kann unsere Gesellschaft diesen Reichtum immer noch nur begrenzt sehen und schätzen. Doch es zeigen sich ermutigende Bewegungen zur Veränderung. Besonders Menschen aus anderen, alten Kulturen beschreiben immer wieder, dass diese beiden Altersgruppen zum Überleben des Volkes oder des Stammes notwendig sind. Wie wollen wir überleben, wenn wir diesen Reichtum nicht in einer guten Weise nutzen? Wagen wir es in die Reife und Fülle zu kommen in dem wir die verlorene Unschuld wieder zurückgewinnen, so wie kleine Kinder, wenn noch unbelastet von Wissen, von Religion, von Erziehung. Wir können jetzt wissend mit neuen Augen auf das Leben schauen, uns mit Liebe im Herzen der unbeschreiblichen Größe der Lebendigkeit des Lebens öffnen, mit Stille und Unschuld auf unser Inneres hören und riskieren genau dies zu leben. |